Stadtmaus Siggi im Spiegelkabinett

Eine Parabel

„Spieglein, Spieglein in der Höhle, wer ist der Beste in diesem Land?“ Mit dieser selbstverliebten Frage posiert Siggi in seinem Spiegelkabinett alter, leerer Flaschen. „Du, mein Herr und Gebieter,“ hört er die erhoffte Antwort, als er im Spiegel der alten, rot angelaufenen Weinflaschen Hermann den alten Maulwurf erkennt. Wärend Siggis Fell vor lauter Scham in ein dunkles Rot übergeht, quetscht er in all seiner Maussouveränität ein gezogenes „Naaa, Duuu?“ an Hermann gerichtet heraus.

„Guten Tag Siggi. Bist Du jetzt Märchenonkel? Haben Deine Eltern Dir nicht beigebracht, guten Tag zu sagen, wenn Du einem begegnest?“ lächelt Hermann fürsorglich hinter den Flaschen hervor. „Du willst doch nicht nur leere Flaschen zum Freund, oder?“ „Ne, nei, neiii,“ stottert Siggi. „Aber ich kenne doch, den, damit habe ich gerade noch…und den…“

Der alte Maulwurf schüttelt nur noch mit dem Kopf, wendet sich ab: „Auf Wiedersehen mein lieber Märchenonkel.“

Der alte Maulwurf räumt auf

Eine Parabel

„Wir sind darauf aufmerksam gemacht worden… weg damit! Wir haben Dich aufzufordern… ab in den Müll!“Hermann der alte Maulwurf nimmt ein Blatt nach dem anderen von seinem kleinen Wurzelholztisch in seiner Höhle, schaut kurz, liest quer drüber und entscheidet sich. „Sie sind verpflichtet… so ein Blödsinn von einem Anwalt, ab zu den Kuriositäten. Du Siggi, wann ist eigentlich die nächste Altpapierabfuhr?“ „Warum? Was machst Du da Hermann?“ fragt die Stadtmaus neugierig. „Ich räume auf.“

„Im Namen des Volkes… weee, Moooooooment, hier Siggi lies mal.“ Siggi nimmt die Blätter und fährt mit seinen Augen, die immer größer werden und von Zeile zu Zeile weiter hervortreten, über den Brief und leise spricht er vor sich hin: „Das Amtsgericht … öööh hat für Recht erkannt: Es wird festgestellt, dass der Vereinsausschluss des Klägers … öööh durch den Beschluss des Vorstands …öööh unwirksam ist und der Kläger weiterhin Mitglied des Vereins ist. Die Kosten des Rechtsstreits hat der Beklagte zu tragen …öööh.“

„…erklärt seine Bereitschaft, zeitnah mit den Vorstandsmitgliedern zu sprechen… bittet eindringlich darum, dass sich so schnell wie möglich ein Schlichtungsausschuss… Das bewahre ich auf“, nuschelt Hermann. „…ich bekomme momentan keine Einstimmigkeit im Vorstand… ab in den Ordner Führungskompetenz. Sag mal Siggi, wenn ich das hier so Blatt für Blatt in die Hand nehme, ob das auch wirklich nur Altpapier ist. Vielleicht ist das alles mit Schadstoffen belastet und als Sondermüll zu entsorgen.“

Siggi schaut auf und piepst Hermann leise zu: „Der Beschluss des Vorstands erweist sich im vorliegenden Fall bereits deshalb als unwirksam, da dem Kläger der Vereinssatzung trotz fristgerechter Einlegung des Rechtsbehelfs eine abschließende Entscheidung durch die Mitgliederversammlung seitens des Vorstands verwehrt worden ist. Hermann, was heißt das und wer zahlt das alles?“

„Ich dachte, Du bist in allem Experte und vor allem Demokrat – zumindest hast Du das letztens behauptet. Du müsstest also wissen, was das Schreiben bedeutet. Oder schmückst Du Dich, blendest nur mit Worten und hast in Wirklichkeit keine Ahnung.“ „Hermann, und der mit den großen Händen, der mit dem Werkzeugkasten am Gürtel, wo ist der eigentlich? Den habe ich lange nicht mehr gesehen. Die haben doch alle immer so schön mit ihm gespielt.“

„Siggi, Du bist eine süße, kleine und doch eher hilflose Maus. Weißt Du denn nicht, dass Katzen gerne Mäuse fressen, und noch lieber jagen sie die Kleinen, fangen sie mit ihren Krallen, spielen mit ihnen, lassen los, greifen wieder zu, quälen sie bis sie nach und nach, na das reicht.“ „Aber das ist ja schrecklich.“ „Das ist es.“ „Und jetzt?“ „Es gibt genug Mäuse, da müssen sich die Katzen nicht großartig umschauen und lange suchen.“ „Wen nehmen die sich denn vor Hermann?“ „Vielleicht einen der immer auf dem falschen Platz steht, einen der immer seinen alten Kram mitbringt, einen der zu hoch hinaus will oder einen der ungepflegte Fußnägel hat. Wir werden sehen Siggi.“ „Aber wonach entscheiden die das denn.“ „Weiß ich auch nicht, vielleicht einfach nach dem Alphabet.“

Der alte Maulwurf schiebt den Müll beiseite, schaltet seinen Fernseher ein, zieht den Sessel vor, springt hinein, nimmt Siggi auf den Schoß und flüstert ihm beruhigend ins Ohr: „Apropo Werkzeugkasten und große Hände. Schau mal genau hin und höre gut zu; vielleicht kommt Dir etwas bekannt vor.“

Der Flug des Phönix (1965) ganzer Film auf Deutsch

Der Flug des Phoenix – Abenteuerfilm 1965 – mit Hardy Krüger als Heinrich Dorfmann und James Stewart als Frank Towns in den Hauptrollen.

Eine Transportmaschine des Typs Fairchild C-82 ist mit zwei Mann Besatzung und zwölf Passagieren unterwegs und fliegt mitten in einen Sandsturm. Die Vergaser beider Motoren verstopfen durch den Sand und Captain Frank Towns muss die Maschine fernab aller Routen notlanden.

Bei einem zwischen Dorfmann, Towns und Moran erfahren die beiden, dass Dorfmann bei einem Unternehmen angestellt ist, das Modellflugzeuge herstellt. Towns und Moran reagieren entsetzt. Dorfmann erklärt den beiden daraufhin, dass das Funktionsprinzip genau dasselbe sei und sich Modellflugzeuge von großen Flugzeugen nur in ihren Ausmaßen unterscheiden. Überdies müssten Flugmodelle bessere Flugeigenschaften haben als „richtige Flugzeuge“, da letztere durch einen Piloten getrimmt werden können. Um das Unternehmen nicht weiter zu gefährden, beschließen sie, diese neue Erkenntnis vor den anderen geheim zu halten.1)

Eberhard August Franz Ewald „Hardy“ Krüger, geboren am 12. April 1928 in Berlin starb vorgestern am 19. Januar 2022 in Palm Springs2)

Foto:

© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0

Pressekonferenz Hardy Krüger – Gemeinsam gegen rechte Gewalt-, Köln 2013


1) Wikipedia Der Flug des Phoenix

2) Wikipedia Hardy Krüger

Die Stadtmaus ruft Hermann an

Eine Parabel

Der alte Maulwurf Hermann hat gerade Besuch von seiner Fußpflegerin, als das Telefon klingelt. „Entschuldigung, das wird wieder mein Freund Siggi, die Stadtmaus sein.“ Hermann nimmt ab und meldet sich „Hermann, ja bitte?“

Aus dem Hörer spricht eine Stimme:

„Hallo sexy boy. Breaking News, Breaking News. Dieses Gespräch hat nie stattgefunden. Einstimmig mit Hochdruck am Ziel vorbei, sag ich nur. Ich bin in Eile, wenn Du mehr wissen willst, ruf mich später einfach an – Servus!“

Siggi der Bewunderer

Eine Parabel

Hermann, der alte Maulwurf bereitet sich auf seinen Castingtermin vor; er will ins Showgeschäft einsteigen und Frauenschwarm sein. In seiner feuchten Höhle dreht er sich selbstverliebt mit leicht wiegenden Hüften, gestellt lächelnd und haucht dabei mit betont süßer Stimme in sein Schaumschlägerluftmikrofon ein „Hello again“ nach Howard Carpendale.

Howard Carpendale - Hello Again - ZDF-Hitparade - 1983

„Uh uh uh, uuh, ich sag nur hello again – Uh uh uh, uuh“ klingt es mit zartem Hall durch die dunklen Gänge, als Siggi die Stadtmaus, die neue LED-Taschenlampe auf den überraschten Hermann gerichtet, den Künstler in ein grelles Licht setzt und dem geblendeten, erstarrten Sänger zuruft: „Hello sexy boy! Bravo! Applaus!“

„An Deiner Stimme und Deinem Outfit solltest Du noch arbeiten Hermann. Schau mal hier, ich habe Dir etwas mitgebracht: eine Tageszeitung. Der Typ weiß wie es geht.“ „Zeig her.“ „Der kommt gut rüber Hermann, da kannst Du was lernen. Kann alles, weiß alle, hat alles, rundum perfekt, nur leider wenig Zeit, steht hier.“

Hermann legt sein Luftmikrofon beiseite, setzt sich in den Sessel, schlägt die Papierblätter auf und liest. Mit seinen kleinen, lichtscheuen Augen muss er sich anstrengen und murmelt dabei wiederholt vor sich hin: „Was soll das? Was soll das?“

„Hermann? Wo bist Du mit Deinen Gedanken? Ist doch wohl sehr interessant, wie es bei anderen in der Erde aussieht und zugeht, oder?“ Der alte Maulwurf ist ganz in sich gekehrt. „Keine Sorge Hermann, wir sind da schon auf dem richtigen Weg. Wir haben ja jetzt zumindest schon einmal eine LED-Taschenlampe und wenn dann noch Deine Lehmwände weiß gestrichen sind, ist das hier ein toller, steriler Raum mit einer perfekten Akustik. Hermann? Hermaaaaaaaaan?“

„Ich habs,“ springt Hermann aus dem Sessel. „Weg mit dem Hello again, ich habs, das ist besser und passt.“ Hermann läßt die Zeitung auf den Boden in den Dreck fallen, streckt sich und greift mit zuckenden Bewegungen nach dem Luftmikrofon. Siggi ist entsetzt.

„1, 2, 3, Test, Test – jetzt hör mal genau hin mein kleiner, süßer Klugscheißer und spann Deine Ohren auf, groß genug sind sie ja! Damit geh ich beim Casting auf die Bühne, die Girls werden toben und auch mich bewundern: Was soll das? von Herbert Grönemeyer“

Herbert Grönemeyer - Was Soll Das ? (Official Music Video)

„Siggi, sag mal, der Zeitungsartikel, worum geht es da eigentlich?“ „Ööööööh, iiiiich ggglaube um Modellflug, aber jetzt wo Du fragst, iiiich ggggl, was das“. „Bist Du Dir sicher? Ich habe da einen anderen Eindruck gewonnen.“

Zweifelnd und verlegen nimmt Siggi die Zeitungsseite und beginnt, daraus liebevoll und konzentriert ein Papierflugzeug zu falten: „Das schicke ich meinem Bruder. Der mag Modellflug. Er sagt immer: Modellflug kann schön sein in einer Gemeinschaft, in der Natur, an der frischen Luft. Das Hobby hält Körper, Geist und Seel gesund und fit, trainiert die Feinmotorik, fördert dreidimensionales Wahrnehmen, die Teamfähigkeit, spielerisch Mathematik- und Physikkenntnisse. Das Erlernen handwerklicher Fähigkeiten, das Entwickeln von Kreativität und Fantasie, das Gefühl selber etwas gebaut und geflogen zu haben machen Flugmodellbau und Modellflug zu einem erfüllenden Hobby. Diesem Hobby als Teilnehmer einer Lebensolympiade im (Wett)kampf um Leistung, Anerkennung, Bewunderung, Fähnchen und Ehrenzeichen nachzugehen, ist nicht sein Ding.“

Siggi hält das gefaltete Papier hoch und betrachtet es von allen Seiten mit prüfendem Blick: „Fertig!“ Mit stolzem Blick zeigt er Hermann sein kleines, technisches Wunderwerk: „Hermann, komm wir gehen an die frische Luft, ich zeige Dir wie schön der gleitet und wenn Du willst, darfst Du auch mal.“

Arm in Arm gehen die beiden Freunde aus der kalten Höhle auf die Wiese und haben den von Siggi versprochenen Spaß.

„Siggi, kennst Du die Geschichte vom zweiten Planeten aus Der kleine Prinz?“ „Ah, ah, schau ein Bewunderer kommt zu Besuch!“ rief der Eitle von weitem, sobald er des kleinen Prinzen ansichtig wurde. Denn für die Eitlen sind die anderen Leute Bewunderer.“1)

„Jetzt ja!“


1)Der kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry, Karl Rauch Verlag GmbH, Düsseldorf, 2. Auflage 2014, S. 50

Der alte Maulwurf – nichts Neues hinter den Bagatellen

Eine Parabel – „Du, Stadtmaus, ich habe Neues“, begrüßt der alte Maulwurf die Stadtmaus in seinen Gängen unter der kraftlos wirkenden, feuchten und kalten Wiese. „Sei mal ganz leise und setze Dich dort in den Sessel, der vor dem Süd-Loch steht.“ Die Stadtmaus klettert, erreicht nach einiger Anstrengung mit einem großen Satz die Armlehne, streckt sich zum Loch aus und bleibt ganz, ganz ruhig und erwartungsvoll liegen.

„Da singt einer, ich höre es ganz genau aus der Tiefe Deiner Gänge, etwas leise. Hermann, hör doch mal auf, Deine Krallen vom Lehm zu reinigen. Das macht so viel Krach; ich verstehe den Text nicht, der da in der Ferne gesungen wird. Moment, da ist es wieder.“ Die Stadtmaus summt leise mit: „Über sieben Brücken…“ und rückt näher. „Schade jetzt ist es auf einmal vorbei. Hermann, ist da Peter Maffay in den Gängen?“ „Nein, das sind andere. Bleib nur liegen, es geht bestimmt gleich weiter mit einem anderen alten Stück.“

Lizenzfrei bei Pixabay

Hermann der alte Maulwurf rückt seine Brille zurecht, zieht den Topf mit dem Zittergras aus dem Dunkel nach vorne und beginnt: „Die haben offensichtlich eine ganze Sammlung, eine ganz kleine inzwischen vermottete, legen immer wieder mal auf und dann nach. Zwischendurch hallt es durch die Gänge, ein dieee, iiich, deeeer, iiich, daaadaaa, iiich und anderes unverständliches Zeug oder man hört ein aufgeregtes Hinundher. Hörst Du, da setzt sich wieder einer bei den anderen in Szene und feuert im Takt laustark an: Den mache ich… den machen wir… Den mache ich… Maus, das höre ich öfter.“

„Und was spielen die da immer so?“ fragt die Stadtmaus. „Ach, ich höre das alles seit langer Zeit, mal mehr mal weniger, aber nichts wirklich Neues, eher so aus der verstaubten Ecke Alte Kameraden. Manche Scheiben hören sich inzwischen auch schon reichlich verkratzt an, zu oft wurden sie schon abgespielt. Und stell Dir mal vor, da ist wohl auch einer, den sie immer zu ihren Treffen dazu holen und der ihnen dann einzelne, bereits deutlich strapazierte Platten, nichts Neues aus der Sammlung auflegen darf. Wenn der dabei ist, wird es auch schon mal peinlich. Das macht der natürlich bestimmt nicht umsonst. Und eins sage ich Dir meine liebe Stadtmaus, glaube es mir, besser und beliebter wird die Musik dadurch auch nicht, im Gegenteil: ich kann sie nicht mehr hören.“

Die Stadtmaus springt vom Sessel, versucht erfolglos das Möbelstück vor das Loch zu stellen, aus dem immer noch zunehmend wirre, mit Hass erfüllte Töne kommen, holt ihr Tablett hervor, so etwas hatte sie kürzlich bei Menschen gesehen, drückt auf eine Taste und sagt mit einem Lächeln: „Hermann, was sollen die Lapalien, ich bin der König, der von Scheißegalien.

Hermann, schau mal und hör einfach zu:“

Udo Lindenberg - König von Scheißegalien [Walk on the wild side] (offizielles Video)