Der alte Maulwurf – nichts Neues hinter den Bagatellen

Eine Parabel – „Du, Stadtmaus, ich habe Neues“, begrüßt der alte Maulwurf die Stadtmaus in seinen Gängen unter der kraftlos wirkenden, feuchten und kalten Wiese. „Sei mal ganz leise und setze Dich dort in den Sessel, der vor dem Süd-Loch steht.“ Die Stadtmaus klettert, erreicht nach einiger Anstrengung mit einem großen Satz die Armlehne, streckt sich zum Loch aus und bleibt ganz, ganz ruhig und erwartungsvoll liegen.

„Da singt einer, ich höre es ganz genau aus der Tiefe Deiner Gänge, etwas leise. Hermann, hör doch mal auf, Deine Krallen vom Lehm zu reinigen. Das macht so viel Krach; ich verstehe den Text nicht, der da in der Ferne gesungen wird. Moment, da ist es wieder.“ Die Stadtmaus summt leise mit: „Über sieben Brücken…“ und rückt näher. „Schade jetzt ist es auf einmal vorbei. Hermann, ist da Peter Maffay in den Gängen?“ „Nein, das sind andere. Bleib nur liegen, es geht bestimmt gleich weiter mit einem anderen alten Stück.“

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Hermann der alte Maulwurf rückt seine Brille zurecht, zieht den Topf mit dem Zittergras aus dem Dunkel nach vorne und beginnt: „Die haben offensichtlich eine ganze Sammlung, eine ganz kleine inzwischen vermottete, legen immer wieder mal auf und dann nach. Zwischendurch hallt es durch die Gänge, ein dieee, iiich, deeeer, iiich, daaadaaa, iiich und anderes unverständliches Zeug oder man hört ein aufgeregtes Hinundher. Hörst Du, da setzt sich wieder einer bei den anderen in Szene und feuert im Takt laustark an: Den mache ich… den machen wir… Den mache ich… Maus, das höre ich öfter.“

„Und was spielen die da immer so?“ fragt die Stadtmaus. „Ach, ich höre das alles seit langer Zeit, mal mehr mal weniger, aber nichts wirklich Neues, eher so aus der verstaubten Ecke Alte Kameraden. Manche Scheiben hören sich inzwischen auch schon reichlich verkratzt an, zu oft wurden sie schon abgespielt. Und stell Dir mal vor, da ist wohl auch einer, den sie immer zu ihren Treffen dazu holen und der ihnen dann einzelne, bereits deutlich strapazierte Platten, nichts Neues aus der Sammlung auflegen darf. Wenn der dabei ist, wird es auch schon mal peinlich. Das macht der natürlich bestimmt nicht umsonst. Und eins sage ich Dir meine liebe Stadtmaus, glaube es mir, besser und beliebter wird die Musik dadurch auch nicht, im Gegenteil: ich kann sie nicht mehr hören.“

Die Stadtmaus springt vom Sessel, versucht erfolglos das Möbelstück vor das Loch zu stellen, aus dem immer noch zunehmend wirre, mit Hass erfüllte Töne kommen, holt ihr Tablett hervor, so etwas hatte sie kürzlich bei Menschen gesehen, drückt auf eine Taste und sagt mit einem Lächeln: „Hermann, was sollen die Lapalien, ich bin der König, der von Scheißegalien.

Hermann, schau mal und hör einfach zu:“

Udo Lindenberg - König von Scheißegalien [Walk on the wild side] (offizielles Video)

Ein Gedanke zu „Der alte Maulwurf – nichts Neues hinter den Bagatellen

  • November 19, 2021 um 9:51 am
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    Tolles Lied von Udo.
    Es gab mal einen Politiker der hat es wahrlich auf den Punkt gebracht:

    Die intelligenten suchen eine Lösung ,die Idioten suchen einen Schuldigen.
    (Original Helmut Schmidt)

    wie wahr!
    Montagsflieger Dieter

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